Achtung Mienenfelder

Ewigkeiten scheint es her, dass wir auf der windigen Anhöhe im Auto saßen... Die wunderschöne Hochebene Kroatiens mit den Dolinen und vielen kleinen Tierchen, welche Mäd wie immer so glücklich gemacht haben. Der Ausblick über das weite Tal, direkt an der Grenze zu Slowenien. Natürlich waren unsere Sorgen unbegründet, dass uns nachts jemand deshalb wecken und kontrollieren würde. Vielleicht haben wir deswegen langsam begonnen mit Grenzen nachlässig umzugehen, nachdem uns wieder nichts passiert war. Doch nun der Reihenfolge nach. Von der schönen Hochebene ging es weiter gen Rijeka. Dort haben wir uns dem Programm Wäsche waschen gewidmet. Während Spanien voll von Waschsalons war, mussten wir hier wirklich suchen und glücklicherweise hatte die große Stadt einen. Nach schwieriger Navigation und einem Abstecher beim Decathlon, in welchem Mäd endlich trittfeste Schuhe erworben hat, kamen wir in einem recht heruntergekommenen aber lebhaften Viertel an, wo sich in einer Seitengasse der Salon befand. Und alles war anders, als wir es gewohnt waren. Wie der Zufall es will, war noch ein junger Herr dort, der englisch sprach und uns weiterhelfen konnte. Es war weder möglich mit Euro noch mit Karte zu zahlen. Also erstmal tauschen, damit wir die kleinen Münzen erwerben konnten, mit welchen hier die Maschinen funktionierten. Ok, soweit geschafft. Also all unsere Klamotten und die Bettwäsche in die Trommel. Nur noch das Waschmittel... - aber das fehlte dann auch. Das müsse man selbst bringen. Während Mäd im Waschsalon gewartet und das Wifi mit der Vorbereitung für die langen Nächte im Bus überfordert hat, bin ich zum Kaufhaus und dm gerannt. Nicht besonders weit, aber durch etwas skurrile Gassen und längere Unterführungen hindurch. Mal wieder musste ich schmunzeln, als ich etwas Respekt hatte an einer betrunkenen Horde Jugendlicher vorbeizugehen. Sollte ich das nicht selbstbewusster können? Aber fremde Gegenden lösen immer eine intuitive Achtsamkeit aus. Die Jungs waren aber sehr freundlich und erfolgreich habe ich den Waschsalon erreicht. Dort angekommen ist uns dann zum einen aufgefallen, was noch alles fehlt - also nochmal rennen, diesmal aber selbstbewusster - und zum anderen: Waschmittel wird den Maschinen automatisch zugeführt. Naja, doppelt hält besser :) Mit frischem Wäscheduft im Auto geht es weiter, bis wir ein Nachtquartier finden.


Am nächsten Morgen können wir uns dann richtig umsehen. Wir sind an einem kleinen, wunderschönen Stausee gelandet und außer den Fischern, welche sich sehr für unseren lieben Bus (alias Traktor Schlumpf) interessieren, sind wir alleine. Nach einem kleinen Spaziergang verbringen wir den Tag mit Schach, Handständen, lesen, Training und kommen nach den Klettertagen etwas zur Ruhe. Wir bleiben nich eine weitere Nacht und kümmern uns um die Weiterreise nach Zagreb.


In Zagreb wohnt ein Viertel der kroatischen Bevölkerung und die Stadt macht einen sehr schönen Eindruck. Hier treffen wir in einem Park die einheimischen Akrobaten und genießen einen Sommertrainingstag. Danach haben uns Tomislav und Tena, die wir schon von einem anderen Event kannten und hier wieder getroffen haben, ohne dass wir das erwartet hatten, zum Essen und Übernachten eingeladen. Die beiden gehören zur gut ausgebildeten Schicht und wohnen in einem Haus am Stadtrand. Wir sind bestens umsorgt worden und es war sehr spannend von den beiden noch mehr über das Land und die Menschen zu erfahren. Wieder einmal hat uns unsere Bewegungsfreude hier Türen geöffnet. 


Und dann geht es weiter. Wir wollen nochmal ans Meer, beschließen aber, über Bosnien und Herzegowina zu fahren. Auf der Route liegt ein wunderschöner Naturpark, den uns Philipp, ein sehr guter Freund empfohlen hatte. Zwar kostet der Park etwas Eintritt, doch hat sich dies für den Anblick all der kleinen Wasserbecken, Wege und Wasserfälle gelohnt. Und überall gab es Mäuse. So viele, dass meine erste Begeisterung über die Entdeckung irgendwann der Frage wich, wie es sein kann, dass vor uns schon wieder drei davon sitzen. Haben sie denn keine Feinde dort? Wir konnten es nicht herausfinden :)


Und dann ging plötzlich das Abendteuer los. Nach dem Start in  richtung Bosnien stellen wir fest, dass wir kaum mehr Benzin haben. Also ab ins nächste Dorf. Dort werden wir von der Polizei angehalten, die zum ersten Mal recht gründlich kontrolliert. Alles gut, wir dürfen weiterfahren. Doch dann der eigentliche Schock. Die ausgeschriebene Tankstelle existiert derzeit nicht und egal in welche Richtung, wir müssen nochmal etwa 40km zurücklegen. Dazu sollte man wissen, dass eine knappe Benzinanzeige der wahrscheinlichste Grund für einen Herzstillstand bei Mäd darstellt, der ansonsten für Spontanität und Risiko immer zu haben ist. Auf der Fahrt fällt uns bereits auf, dass überall Polizei zu sehen ist. Wir schenken dem nicht viel Beachtung und kommen bald an der Grenze an. Die Region ist bergig und sofern wir im Dunkeln feststellen können wunderschön.


An der Grenze hält der Polizist meinen Ausweis so lange in den Händen und schaut dabei grimmig aber ohne die Mine zu verziehen in seinen PC, dass ich schon Angst bekomme, dass ich ihm meinen alten, einmal verloren gegangen Pass hingehalten habe. Als ich das Mäd sage, steigert das seine bereits vorhandene Nervosität ins Letzte, er hatte gelesen, dass genau das an der bosnischen Grenze nicht passieren sollte. Herzklopfend erhalten wir dann alles zurück und dürfen passieren und - tanken!


Fröhlich fahren wir drauflos. Doch in Bihac angekommen fällt uns ein gespenstisches Stadtbild auf. Überall leben Menschen auf der Straße und die Armut ist offensichtlich. Die Menschen sind nicht von hier. Eine europäische Außengrenze! Später lesen wir über die Konflikte in dieser Region. Die Lager sind überfüllt und immer wieder versuchen die Menschen nach Kroatien durchzubrechen. Die Berge bieten Sichtschutz. Doch nun erklären sich die vielen Kontrollen und zudem wurden Zäune errichtet. Hier und an der Grenze zu Ungarn. Die Flüchtlinge sitzen fest. Wir spüren ein flaues Gefühl im Magen. Es ist bedrückend das Ausmaß zu sehen und zudem fragen wir uns, ob wir einen sicheren Schlafplatz finden werden. Um unser Unwohlsein zu erhöhen, führt die Straße in ein kleines Tal und wir stellen schnell fest, das Autofahren hier sehr gefährlich ist. Von Nachfahrten wird in Bosnien abgeraten, aber auch das lesen wir erst später. Ebenso, dass man sich innerhalb von 12 Stunden registrieren muss, lesen wir erst in unserer kleinen Schlafbucht am Fluss, die wir endlich und todmüde gefunden haben. Zudem: Man muss auf Minen achten. Wie beruhigend, dass wir gleich überall Schilder sehen. Mit gemischten Gefühlen schlafen wir ein.


Wie wir Europäer sind, stehen wir baldig auf, schauen uns um und machen uns auf den Weg in die nächste Stadt, um uns zu melden. Die Touristeninfo ist zu. Die Wache der Polizei ist zwar ausgeschildert, doch wir fahren erfolglos zweimal die gleiche Runde. Somit parken wir das Auto und laufen zu Fuß einem Dorfpolizisten nach, der Äpfel kaufen war. Er spricht kein englisch und ist recht verwirrt von den zwei ihn verfolgenden Ausländern, dennoch führt er uns durch den Hintereingang in die Wache. Alle lachen, als er fragt, wer englisch spricht. Ich verstehe aufgrund meiner Russischkenntnisse einige Fetzen. Sie amüsieren sich sehr. Nach einigen Telefonaten kommt einer, der englisch spricht. Registrierung? Naja, bitte erst in der Stadt in welcher wir schlafen werden. Und auf unsere Nachfrage nach Minen, reagieren alle sehr gelassen. Nein, nein, da wo wir hin wollten sei nichts. So fahren wir wieder ab. Hier scheint das alles keiner so ernst zu nehmen. Wir beschließen in der nächsten Stadt direkt zu sagen, dass wir hier schlafen würden und bezüglich der Minen auf Wegen zu bleiben, was sonst nicht immer unser Stil ist :) 

Tags ist das Fahren schon angenehmer. Die Gegend ist wunderschön. Ein kleines Dorf nach dem anderen und am Fluss entlang lauter schöne Nischen zum Sitzen. Man sieht, dass nicht viel Geld da ist und vieles im Aufbau, aber dennoch für unsere Augen sehr schön.


In der nächsten Stadt wollen wir gerade die Wache suchen, als wir in eine Kontrolle geraten. Also fragen wir die Beamten, wo wir uns registrieren können. Sie versuchen es uns zu erklären, doch als wir gerade losfahren wollen, winken sie ab. Wir sollen ihnen folgen. Und los geht es durch das Chaos der Stadt, immer dem Streifenwagen hinterher, dem alle anderen ausweichen. Sie führen uns auf einen Parkplatz, zahlen uns einen Parkschein und deuten uns den Weg. Auf der Wache beginnt das Chaos erneut. Und keiner will uns ohne genaue Angaben registrieren. Es scheint aber auch halb so wichtig. Dennoch sind wir unsicher, als wir gehen. Wir trinken eine Kleinigkeit und suchen mit WLAN einen Campingplatz im nächsten Klettergebiet, dann würden wir endlich unseren Schein erhalten. Hier in der Fußgängerzone sieht es wie in jeder anderen Stadt aus, wir fallen zwar durch unser Aussehen auf, doch gehen alle ihren Geschäften nach und sind sehr freundlich. Als alles erledigt ist, geht es also zurück zum Parkplatz. Und dann stockt uns der Atem. An der Beifahrerseite ist keine Scheibe. Shit. Wir laufen gleich schneller. Und das nach einer Polizeieskorte. Als wir am Auto ankommen sehen wir jedoch, dass tatsächlich die Scheibe einfach offen war. Wir absoluten Glückspilze. In Spanien ist uns das auch bereits passiert. Nur mit der kompletten Seitentüre... Aber es ist alles an Ort und Stelle. 


Der Camping ist eigentlich noch geschlossen doch wir dürfen schon kommen. Wir bleiben dann sogar drei Nächte. Es ist ein wunderschöner Ort, ein sehr netter Betreiber und wir kommen richtig an. Klettern, Training, Bierchen, Akrobatik mit der Tochter des Besitzers und viele Gespräche über das Land und Leben hier füllen die Tage. Und die kleinen Hunde, die uns bald auf Schritt und Tritt folgen.

Als der Regen das Tal erreicht, fahren wir weiter. Die Fahrt durch das Land ist faszinierend und die schönen Gegenden werden sichtbar. Und dann wird die Straße plötzlich breiter, am Rand Stacheldraht und alles erinnert an eine Landebahn . Später lesen wir, dass das stimmte... 

Eine amerikanische Base? 


Und nun haben wir unser Lager an einem wunderschönen Stausee nahe der kroatischen Grenze aufgeschlagen und einen einsamen, sommerlichen Trainingstag mit Schach und Spaziergängen genossen. Und endlich mal jongliert, genäht und Mäd hat natürlich Tiere gesucht :)


Müde und glücklich liegen wir nun im Bus. Und gerade bevor ich diese Zeilen geschrieben habe, kam ein Polizeibus. Wir wissen, dass Campen hier verboten ist. Wir wurden unruhig, als die beiden Beamten ausstiegen. Mäd ist direkt ausgestiegen, wobei sein Blick und der des Beamten auf seine Schuhe wandern. Sie sind voller Kletten von der Tiersuche in der Wiese. Sie sprechen kein englisch und drehen sich lächelnd direkt wieder um. Keiner scheint sich gerne mit sprachlichen Problemen zu beschäftigen. Mäd fragt noch mit Gesten, ob wir hier schlafen dürften. Jaja, kein Stress. Keinen interessiert die Registrierung oder das Verbot. Wir waren wohl zu schnell beunruhigt und fühlen uns hier immer wohler. Es ist ein wunderschönes Land und die Menschen bisher äußerst wohlwollend!

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